Das frühkindliche Selbstkonzept: Struktur, Entwicklung, Korrelate und Einflussfaktoren

Self-Concept in Early Childhood: Structure, Development, Correlates and Impact Factors

  • Obwohl die frühe Kindheit als entscheidend für die Selbstkonzeptentwicklung betrachtet wird (Marsh, Ellis & Craven, 2002), ist ein Forschungsdefizit in allen Gebieten der Selbstkonzeptforschung in diesem Altersbereich zu beobachten, das mit dem Fehlen geeigneter Verfahren zur adäquaten Selbstkonzepterfassung bei jungen Kindern in Zusammenhang steht (z. B. Wylie, 1989). Insbesondere mangelt es an Verfahren, denen die vielfach belegte Multidimensionalität des Selbstkonzepts in der frühen Kindheit zugrunde liegt und die somit multiple Selbstkonzeptbereiche erfassen können. Die vorliegende Untersuchung stellt mit dem Selbstkonzeptfragebogen für Kindergartenkinder (SEFKI) ein deutschsprachiges Verfahren zur Erfassung eines multiplen Selbstkonzepts vor. Auf dem Selbstkonzeptmodell von Shavelson, Hubner und Stanton (1976) basierend können damit die Bereiche sportliche Fähigkeiten und Interessen, Aussehen, Beziehung zu Gleichaltrigen, Beziehung zu den Eltern, sprachliche Fähigkeiten und Interessen sowie mathematische Fähigkeiten und Interessen erfasst werden. Aufgrund von Befunden aus dem englischsprachigen Raum war von angemessenen psychometrischen Eigenschaften des Fragebogens auszugehen, weshalb der untersuchungsbedingte Verzicht auf eine ausführliche Pilotierung nicht ins Gewicht fällt. Im Rahmen der Studie wurden bisher noch nicht ausreichend erforschte Themenbereiche zum Selbstkonzept in der frühen Kindheit untersucht. Dabei traten vor allem folgende fünf Ergebnisse zu Tage: (1) Hinsichtlich der internen Struktur des Selbstkonzepts lassen sich für die vier- bis sechsjährigen Kinder den SEFKI-Skalen entsprechenden sechs Bereiche (s. o.) identifizieren, die sich im Laufe der frühen Kindheit zunehmend zu differenzieren scheinen. Eine Herausbildung hierarchisch übergeordneter Faktoren ist jedoch nicht klar zu erkennen. (2) Die bereichsspezifischen Selbstkonzepte weisen in der untersuchten Altersspanne lediglich geringe bis moderate Stabilitäten auf. Allgemein bewerten sich die Kinder in allen Bereichen sehr positiv, jedoch zeigen sich bereichsspezifische Entwicklungen: Die Selbstwahrnehmung der Beziehung zu den Eltern sowie der sportlichen und mathematischen Fähigkeiten wird mit zunehmendem Alter positiver, die der Beziehung zu Gleichaltrigen und der verbalen Fähigkeiten eher weniger positiv. (3) Um Zusammenhänge zwischen verschiedenen Selbstkonzeptbereichen und analogen Fähigkeiten bzw. Verhaltensweisen angemessen beurteilen zu können, wurden für alle Bereiche entsprechende Kriterien über die Leistungen der Kinder sowie Einschätzungen von Eltern, Erzieherinnen und Untersucherinnen erhoben. Zwischen den Selbstkonzepten und entsprechenden Fähigkeiten oder Verhaltensweisen zeigen sich nur geringe Beziehungen und nur im Bereich Sprache scheinen sie mit zunehmendem Alter enger zu werden. In nicht-leistungsbezogenen Bereichen sind die Beziehungen noch geringer. Das Selbstkonzept hat einen geringen Einfluss auf sprachliche und mathematische Leistungen am Ende der Kindergartenzeit und scheint eher durch vorangehende Leistungen beeinflusst zu sein. Diese Befunde stützen den Skill-Development-Ansatz als Erklärungsmodell für die Wirkzusammenhänge zwischen Selbstkonzept und Leistung in der frühen Kindheit. (4) Zwischen kindlichem Selbstkonzept und von den Bezugspersonen eingeschätztem Fremdkonzept bestehen keine Zusammenhänge, ausgenommen am Ende der Kindergartenzeit, wo das Fremdkonzept der Erzieherinnen bedeutsam (aber dennoch niedrig) in mehreren Bereichen mit dem Selbstkonzept der Kinder in Beziehung steht. (5) In Bezug auf die Ausprägung und die Entwicklung der verschiedenen Selbstkonzeptbereiche lassen sich verschiedene Effekte interindividueller Unterschiede feststellen. Interessant sind dabei folgende Ergebnisse: (a) Jungen bewerten ihre sportlichen Fähigkeiten und Interessen positiver als Mädchen, Mädchen hingegen die Beziehung zu Gleichaltrigen. (b) Kinder ohne Migrationshintergrund haben in allen Bereichen tendenziell eine positivere Selbstwahrnehmung als Kinder ohne Migrationshintergrund. (c) Obwohl sich die sprachliche und mathematische Leistung durch vorschulische Gruppenförderung verbessert, scheint sich dadurch das Selbstkonzept, besonders im Bereich Sprache, eher ungünstig zu entwickeln.
  • Although early childhood is considered to be a crucial period for the development of self-concept (Marsh, Ellis & Craven, 2002), there exists a lack of research in all areas of self-concept in this particular age range as well as a lack of suitable instruments for the measurement of self-concept in young children (e. g. Wylie, 1989). In particular, instruments which are based on the proven multidimensionality of self-concept and which can measure a multifaceted self-concept are missing. This investigation presents a German instrument for the measurement of multiple self-concepts through the development of the self-concept questionnaire for kindergarteners (German: Selbstkonzeptfragebogen für Kindergartenkinder (SEFKI)). Based on the self-concept model of Shavelson, Hubner and Stanton (1976) the following dimensions can be measured: Athletic abilities and interests, physical appearance, peer relations, parental relations, verbal abilities and interests as well as mathematical abilities and interests. Research on the English version of the questionnaire had already shown that the measured psychometric properties were appropriate and therefore the lack of a pilot study, due to research limitations, is of little importance. The present study investigated unexplored topics about the self-concept in early childhood. The following were the main findings: (1) With regards to the internal structure of the self-concept, six dimensions analogous to the SEFKI scales can be identified among four- to six-year-old children that apparently become more differentiated during early childhood. However, a formation of hierarchical higher-order factors cannot be clearly demonstrated. (2) The domain specific self-concepts in the investigated age range show only low to moderate stabilities. In general, children rate themselves very positively in all self-concept domains. However, there are domain specific differences in development: The self-perception of parental relations as well as athletic and mathematical abilities become more positive with age but the peer relations as well as the verbal abilities and interests become lesser positive. (3) In order to evaluate the relationship between different self-concept domains and the respective abilities or behaviors, external criteria variables were assessed for all areas including, children’s achievement as well as ratings from their parents, kindergarten teachers and administrators. No strong relationship was found between the self-concepts and the respective abilities or behaviors though in the verbal domain they seem to be more related with age. In the non-achievement related areas the relationships are even lower. The self-concept has a low impact on verbal and mathematical achievement at the end of kindergarten and seems to be more impacted by prior achievement. These results support the skill development model as the explanation for the relationship between achievement and self-concept in early childhood. (4) There is no relationship between the self-concept and the inferred self-concept that is assessed by significant others. However, at the end of kindergarten there is a significant relationship between the inferred self-concept evaluated by the kindergarten teachers with the children’s self-concept in several domains. (5) With regards to the level and the development of different self-concept areas, there are several interindividual differences. The following results deserve mention: (a) Boys evaluate their athletic abilities and interests more positively than girls and girls their relation to peers more positively than boys. (b) Children without immigrant backgrounds tend to have a more positive self-perception than children with immigrant backgrounds. (c) Although the verbal and mathematical achievement improves through early-childhood programs, the self-concept seems to develop unfavorably, especially that in the verbal domain.

Download full text files

Export metadata

  • Export Bibtex
  • Export RIS

Additional Services

Share in Twitter Search Google Scholar
Metadaten
Author:Eva Randhawa
URN:urn:nbn:de:bsz:he76-opus-75322
Advisor:Hermann Schöler
Document Type:Doctoral Thesis
Language:German
Date of Publication (online):2013/02/11
Publishing Institution:Pädagogische Hochschule Heidelberg
Granting Institution:Pädagogische Hochschule Heidelberg, Fakultät für Erziehungs- und Sozialwissenschaften (Fak. I)
Date of final exam:2012/11/08
Release Date:2013/02/11
Tag:children; immigration background; self-concept
GND Keyword:Kindergarten; Migrationshintergrund; Selbstbild
Institutes:Fakultät für Erziehungs- und Sozialwissenschaften (Fak. I) / Institut für Sonderpädagogik
Licence (German):License LogoVeröffentlichungsvertrag ohne Print-on-Demand

$Rev: 13159 $