Wahlfreiheiten und Bedürfnisbefriedigung zwischen Care- und Erwerbsarbeit. Eine qualitative Studie über die Begründungszusammenhänge der Verortung von Ingenieurinnen mit Sorgeverantwortung im öffentlichen Dienst und ihre Folgen
- Im Kontext überdauernder geschlechterdifferenzierender Rollenzuschreibungen sowie komplementärer Organisationsformen der privaten und Erwerbssphäre und insbesondere des privatwirtschaftlichen Ingenieurwesens erweist sich für Ingenieurinnen die Vereinbarkeit von Care- und Erwerbsaufgaben als besonders problematisch. In der Fachliteratur wird ferner eine Geschlechtssegregation zwischen demIm Kontext überdauernder geschlechterdifferenzierender Rollenzuschreibungen sowie komplementärer Organisationsformen der privaten und Erwerbssphäre und insbesondere des privatwirtschaftlichen Ingenieurwesens erweist sich für Ingenieurinnen die Vereinbarkeit von Care- und Erwerbsaufgaben als besonders problematisch. In der Fachliteratur wird ferner eine Geschlechtssegregation zwischen dem privatwirtschaftlichen (Ingenieure) und öffentlichen (Ingenieurinnen) Sektor beschrieben. Diese Ausgangslage begründete diese Qualifikationsarbeit: Lenken die Kultur- und Strukturverhältnisse der privatwirtschaftlichen und öffentlichen Erwerbssphäre maßgeblich die Erwerbsbiografien von Ingenieurinnen mit Care-Verantwortung angesichts der Vereinbarkeitsproblematik? Sind ihre beruflichen Wahlfreiheiten und Handlungsspielräume aufgrund der gegebenen Verhältnisse eingeschränkt?
Während des offengehaltenen Forschungsprozesses wurde ein Bündel an Bedürfnissen entlarvt, die den individuellen doppelten Lebensentwurf formen und somit auch die konkrete berufliche Positionierung erklären. Es handelt sich dabei um die Bedürfnisse nach Regeneration, sozialer Einbindung, wirtschaftlicher Sicherheit, Inhalt, Dynamik und Autonomie. Jede individuelle berufliche Positionierung entsteht als Folge dieser persönlich gewichteten Bedürfnisse.
Das Alleinstellungsmerkmal dieser Qualifikationsarbeit ist beschrieben durch den haushalts-wissenschaftlichen Blick, der den Familienhaushalt als sozioökonomische Einheit versteht, welche Individuen und ihre Erwerbsbiografien miteinander verbindet. Dieser Mechanismus nimmt ebenfalls Einfluss auf die individuelle berufliche Positionierung, womit sich zeigt, wie komplex diese begründet ist – nämlich durch genuine und Familienhaushalt-abhängige Bedürfnisse. Diese Perspektive bleibt individualsoziologischen und -psychologischen Ansätzen allzu oft verborgen, womit sie unzulänglich bleiben müssen.
Tatsächlich wurde die Erwerbstätigkeit im öffentlichen Dienst im Sample als Strategie erkannt, um das Vereinbarkeitsdilemma zu moderieren. Der Vorsprung des öffentlichen Sektors gegenüber der Privatsphäre begründet sich dadurch, dass er in der Regel strukturierte und verpflichtende Maßnahmen vorhält, die Zeit für Care-Arbeit schützen, während solche im privat-wirtschaftlichen Ingenieurwesen häufig fehlen oder unterlaufen werden. Doch auch der nur scheinbar geschlechtsneutrale öffentliche Dienst stützt sich auf das sogenannte Normalarbeitsverhältnis und fußt damit kulturell wie strukturell auf der Logik der dualistischen Arbeitsteilung, die Personen mit Care-Verantwortung benachteiligt.
Daneben wurden weitere erwerbsbiografisch wirksame Strategien ausgemacht – die der paarspezifischen Arbeitsteilung sowie Verhaltensmuster der Resilienz und Selbstausbeutung und Achtsamkeit und Renitenz. Diese vermögen es allerdings nicht, die Vereinbarkeitsproblematik aufzulösen, sodass es trotz der angewandten Strategien bis auf einer TN keiner weiteren im Sample zu gelingen scheint, ihr Gesamt an persönlichen Bedürfnissen, die sie durch die Erwerbs- und Care-Arbeit zu stillen versucht, zu befriedigen. Für das Sample zeigte sich, dass im Konfliktfall Familienhaushalt-abhängige Bedürfnisse genuine dominieren. Dieser Mechanismus greift insbesondere für die alleinerziehenden Ingenieurinnen des Samples, als spezifischer Haushaltsstrukturtyp – sie machen unter den gegebenen Verhältnissen hinsichtlich ihrer genuinen Bedürfnisbefriedigung besonders gravierende Abstriche.
Insgesamt zeigt sich die Blindheit des Erwerbssektors gegenüber der Care-betonten privaten Sphäre – obwohl die Erwerbssphäre auf der Haushaltsproduktion basiert. Diese Ignoranz äußert sich hierzulande neben der ggf. mehrdimensioniert verfehlten Bedürfnisbefriedigung von Personen mit Care-Verantwortung in einer Care-Krise in Form eines seit Jahrzehnten zu verzeichnenden Geburtenrückgangs, eines massiven Fachkräftemangels in der bezahlten Care-Arbeit sowie dem damit verbundenen Pflegenotstand. Die Verhältnisse der Erwerbssphäre werden flankiert von dazu analogen politisch determinierten Rahmenbedingungen, wie etwa einer unzureichend ausgebauten institutionellen Betreuungsinfrastruktur, die gesellschaftliche Normen festigen und reproduzieren können. Manifeste geschlechts-dualistisch und komplementäre Kultur- und Strukturzusammenhänge sowie die damit verbundenen Machtverhältnisse begründen unterschiedliche Lebenswirklichkeiten, (berufliche) Wahlfreiheiten und Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung von Müttern und Vätern bzw. Personen mit und ohne Care-Verantwortung. Gestützt wird dieses Gefüge wohl durch die Strahlkraft unseres kapitalistisch ausgerichteten Wirtschaftssystems. Die gegenwärtigen Verhältnisse vermögen es offensichtlich nicht, mit der gesellschaftlichen Dynamik Schritt zu halten, denn die Vorstellung einer paritätischen Stellung zwischen Frauen und Männern nimmt in der Gesellschaft zu. Eine umfassende Umstrukturierung selbiger im Sinne einer Care-Ökonomie kann Abhilfe schaffen.…


| Author: | Silvia Niersbach |
|---|---|
| Publishing Institution: | Pädagogische Hochschule Heidelberg |
| Granting Institution: | Pädagogische Hochschule Heidelberg, Fakultät für Natur- und Gesellschaftswissenschaften (Fak. III) |
| Date of final exam: | 2025/06/18 |
| DDC classes: | 300 Sozialwissenschaften |
| Tag: | Familie- und Beruf; Ingenieurinnen; MINT; Vereinbarkeit |
| GND Keyword: | Care |
| Document Type: | Doctoral Thesis |
| Language: | German |
| URN: | urn:nbn:de:bsz:he76-opus4-17506 |
| DOI: | https://doi.org/10.60497/opus-1750 |
| Referee: | Angela Häußler, Uta Meier-Gräwe |
| Advisor: | Angela Häußler, Uta Meier-Gräwe |
| Year of Completion: | 2025 |
| Release Date: | 2025/09/30 |
| Page Number: | X, 315 |
| Institutes: | Fakultät für Natur- und Gesellschaftswissenschaften (Fak. III) |
| hasSourceSWB: | withoutPPN |
| Licence (German): | Veröffentlichungsvertrag mit Print-on-Demand |

