Prof. Dr. phil. habil. Ekkehard Blattmann
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Fakultät II Institut für Deutsche Sprache, Literatur und ihre Didaktik
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Geistiges Lernen als "Einwurzelung" Zu Peter Bucks Buch " Einwurzelung und Verdichtung. Tema con variazione über zwei Metaphern Wagenscheinscher Didaktik". Verlag der Kooperative Dürnau, 1997, ISBN 3-88861-037-0, 95 Seiten, 34.- DM.

Die heutige Didaktik bewegt sich angesichts der Philosopheme und Ansprüche postmodernistischer Positionen auf schwan-kendem Grund. Im Gegenzug hat sich die Didaktik vielerorts eine höchst anspruchsvolle Terminologie zugelegt, die doch nicht verbergen kann, daß es sich dabei um komplexe Gespinste handelt, die oft einen eher dürftigen substantiellen Kern zu bemänteln haben. Wie anders ergeht es da dem Leser von Peter Bucks kleinem Buch, das auf äußerlich engem Raum eine weite Sphäre geistiger Heiterkeit und fruchtbarer Einsichten eröffnet. Die Publikation ist aus einer Wagenscheinlecture hervorgegangen, die der Autor anno 1993 in Leipzig abgehalten hatte und deren dialogischer Gestus beibehalten wurde. Hier herrscht statt pompöser Gelehrsamkeit ein gedämpfter Sprachton, der mit dem Leser als mit einem schätzenswerten Gast konversiert, um ihn behutsam an die Hand zu nehmen und schließlich zu neuen Gedanken hinzuführen. Dem unkundigen Leser entwickelt Buck zunächst in einigen Stichworten Wagenscheins Vita und seine "genetisch sokratisch exemplarische" Lehrweise. Sodann konzentriert sich die Darstellung auf dieBegriffe/Metaphern "Einwurzelung" und "Verdichtung", in denen Buck die "höchstmögliche Verdichtung der Wagenscheinschen Didaktik" erblickt. Den jeweiligen Kapiteln und Variationen, in denen nun diese Termini entfaltet werden, ist ein farbiges Photo einzelner, von Buck selbst gefertigter, zauberisch moderner Bilder bzw. Installationen vorangestellt, deren Aufgabe es ist, durch ihre Stimmungs und Assoziationskraft die Aufnahmebereitschaft des Lesers zu erweitern und zu vertiefen.

Der Durchdringung von "Einwurzelung" kommt es zugute, daß ihre (religiös geprägte) Herkunft von Simone Weil her (enracinement) an den Tag gelegt wird. Die französische Philosophin hatte den Terminus einst in den Jahren der Résistance geprägt. Enracinement bedeutet bei ihr die "Verpflichtung zu", und zwar die Verpflichtung zu teilen und zu helfen und Verantwortung zu übernehmen, und darüber hinaus bedeutet enracinement das In-der-Wahrheit-leben, um dadurch zu einer Einwurzelung des Wissens und endlich zu einer Einwurzelung in die ewige Bestimmung des Menschen (um seiner ewigen Bestimmung willen) zu kommen. Mit dem Begriff der "Verdichtung" (den Buck primär von H. von Hentig übernimmt) bezeichnet er Wagenscheins didaktisches Prinzip der Intensivierung und Raffung, das die sich entfaltende Intelligenz und Kognition umschließt und letztlich auf das einwurzelnde, verdichtende und genetische Lernen abzielt. Zu diesem Prozeß genetischen Lernens gehören die Phasen des Einfalls, der Aufmerksamkeit für ein Phänomen, des Hin und Herwendens des Phänomens, aber auch die Aporie vor demselben und der schließliche Sprung aus eben derselben heraus. Hinzu gerechnet werden überdies die Phasen des Schlafens und Vergessens als weitere Lernanteile. Worum es Buck bei all dem geht, ist, in die bisher allzu wenig erforschte Skala der Kartierung von Denkwegen und Lernwegen erste Umrisse einer "lernpsychologischen Landkarte des genetischen Lernens" einzuzeichnen. Eine solcherart vermessene Landkarte, so Buck, müßte über kurz oder lang die ganze Unterrichtspraxis umgestalten. Grundsätzlich wäre 1.) die Abfolge der Stundenplangestaltung tiefgreifend zu verändern und das hier waltende Kästchendenken aufzugeben; 2.) alles zu Lernende seitens der Schüler nicht nur rein rezeptiv aufzunehmen, sondern als "verarbeitete Erfahrung" (Sacherfahrung und Selbsterfahrung) in der Weise existenzieller (und vielleicht auch künstlerischer) Äußerungen wieder zu veräußern. Über solchem Tun wäre der Schüler immer zugleich ein eigenes hervorbringendes Wesen, das in der Hervorbringung das Angeeignete zu einem Teil seines, des Schülers, Eigenseins einverwandelt hat. Im Sinne einer solchen Produktion von externalizing ideas richten sich Bucks Überlegungen gegen die Belehrungsapparaturen traditionellen Unterrichts. An ihrer Statt zielt sein Desiderat auf den selbstgeleisteten Begriffsbildungsvorgang und Verstehensvorgang als gleichzeitige Einwurzelung des Gelernten in der Sinnes-Welt wie in der Geistes-Welt des Lernenden. Zu Recht arbeitet Buck in diesem Horizont mit allem Nachdruck den Aspekt heraus, daß Verstehen weit mehr ist als an Hand purer Anschaulichkeiten einen Stoff zu erlernen, weil die materiale Anschaulichkeit jeweils nur Ausgangspunkt sein kann für "Fragegedanken" und "Sprunggedanken", die zum Ergreifen eines nichtanschaulichen "Immateriellen" und "Geistigen" hinleiten. Buck liegt (unter Heranziehung vorauslaufender Überlegungen von Henri Bortoft und E.-M.Kranich) alles daran zu betonen, daß es jenseits des physikalischen Messens und mathematischen Argumentierens auch die "universellen Verstehenselemente" gibt. Die Opposition zwischen einerseits dem mathematischen und andererseits dem universellen Begreifen wird zusätzlich anhand von Gaston Bachelards Gegensatzpaar von Wort-Sätzen (Naturwissenschaften) und Bild-Sätzen (Geisteswissenschaften) unterstrichen. Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften und entsprechende didaktische Abläufe finden erst durch die Kopplung von Messen/ Mathematik hier und universellem, Sinn fassendem Ergreifen dort zu einer wirklichen Ganzheit, zu einer im Wortsinn gegenseitigen Ergänzung. Am Schluß seiner Überlegungen zum Lernen als innerem Vorgang stellt sich Buck die Frage, was sich aus all dem in Hinblick auf neue Unterrichtsformen für den je individuellen Schüler folgern ließe. Hier nun geht Buck weit über Wagenscheins Unterrichtspraxis hinaus, indem er (wie schon Peter Gallin und Urs Ruf) dem einzelnen Schüler seinen je eigenen Lern- und Ar-beitsrhythmus zugestehen will: "Jedes Kind arbeitet an seiner Kernidee."
(S. 78) Mit diesem "Modernisierungsschub" gelingt es Buck, das Wagenscheinsche (methodisch eher lehrerzentrierte) Unterrichtsverhalten mit individualisierenden Aspekten der Reformpädagogik bzw. der MontessoriSchule in die Zukunft hin zu öffnen. Lernen als innerer geistiger Prozeß der Verdichtung und Einwurzelung findet so eine angemessene didaktischmethodische Fortschreibung und Formierung. Insgesamt gleichen Bucks Ausführungen einem Samenkorn, aus dem ein großer Baum neuer Ideen, Anregungen und Folgerungen für eine Schule hervorwachsen kann, in der der Schüler ein Wesen und ein Gefäß des Geistes ist, ohne daß ihm die notwendige Materialität und die meßbare Natur genommen würde. So ist denn Bucks Schrift selbst ein schönes Beispiel dafür, wie man von Wagenschein genetisch lernen und zugleich über das Vorbild hinaus zu eigenen Einsichten und Schlüssen gelangen kann. Sie werden der kommenden Schule von großem Nutzen sein.